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Mobilität und Medikamente

Forschung: Bewegung und Therapie

In den letzten 10 Jahren wurden 400 Bewertungen von neuen Arzneimitteln, die einen Einfluss auf die Bewegung haben könnten, durch die European Medical Agency (EMA) vorgenommen (Jäger und Becker, Age Ageing in press).

Bei weniger als 50% dieser Bewertungen wurde die Mobilität als primärer oder sekundärer Endpunkt berücksichtigt. Bei weniger als 25 % der Bewertungen wurde ein Assessment durchgeführt.

Der Nachfolgende SWR-Beitrag zeigt ab Minute 14:30, wie es gemacht werden sollte. 

Das Video ist beim SWR in der Mediathek verfügbar bis 02.12.2022

3 Antworten auf „Mobilität und Medikamente“

Sehr geehrter Professor Becker,
per Zufall bin ich auf diese Seite gestoßen unter dem Stichwort digitale Geriatrie.
Sie schreiben, dass es keine oder wenige Veröffentlichungen zum Thema Medikamente und ihre Nebenwirkung in Bezug auf die Mobilität gibt. Der Begriff Mobilität ist sehr allgemein gehalten und viel zu unspezifisch. Einiges kann man sich auch herleiten: sedierende Medikamente wie Antipsychotika (Neuroleptika), sedierende Antidepressiva oder Hypnotika vermindern die Mobilität (was Wunder), verkürzen Gangstrecken, vermindern die Kraft, vermindern den Muskeltonus, erhöhen das Sturzrisiko, verschlechtern die Kognition und Reaktionsgeschwindigkeit.
Mobilität als Sammelbegriff erscheint mir zu allgemein. Ähnlich wie der Begriff Fitness im Zusammenhang mit Rehabilitation.
Bevor man darüber nachdenkt, was ist normal (noch normal) und was ist abnorm oder vielleicht auch pathologisch stellen sich folgende Fragen
– wie oft steht ein 50 ,60, 70, 80 jähriger Patient am Tag auf?
– wie oft muss sich in den verschiedenen Alterskohorten jemand beim Transfer oder beim Aufstehen festhalten
– wie misst man Ballance?
– wie misst man Koordination?
– wie misst man Agitiertheit?
wie so oft werden in vielen Studien Beobachtungen notiert. Nicht selten gibt es nicht einmal Videoaufnahmen, weil so manche Ethikkommission aufgrund der fehlenden Einwilligungsfähigkeit von dementen derartige Erfassungen verhindern; umso wunderbarer, Rabinowitch zum Thema Stürze seine Sequenzen bei YouTube eingestellt hat.
Bei einigen größeren Forschungsprojekten in den letzten Jahren werden eine Unmenge an Daten gesammelt. Aber welche davon sind relevant. Vielleicht muss man so vorgehen, um überhaupt erst einmal eine Übersicht zu gewinnen.
Problematisch finde ich auch die Verwendung von Sensoren, die für die spezielle Fragestellung nicht konstruiert wurden. Messen Sie das, was ich messen will? Wie hoch muss die Reproduzierbarkeit sein, wie hoch die Datenrate?

Sehr geehrter Herr Kuipers,

ich antworte gerne in Ihrem Text:
Sie schreiben, dass es keine oder wenige Veröffentlichungen zum Thema Medikamente und ihre Nebenwirkung in Bezug auf die Mobilität gibt.
Das ist das Ergebnis eines Reviews bei dem wir alle Zulassungen neuer Medikamente in Europa untersucht haben (Simon Jäger & Clemens Becker, Age Ageing, 2022)

Der Begriff Mobilität ist sehr allgemein gehalten und viel zu unspezifisch.
Wir verwenden dafür die Definition der WHO

Einiges kann man sich auch herleiten: sedierende Medikamente wie Antipsychotika (Neuroleptika), sedierende Antidepressiva oder Hypnotika vermindern die Mobilität (was Wunder), verkürzen Gangstrecken, vermindern die Kraft, vermindern den Muskeltonus, erhöhen das Sturzrisiko, verschlechtern die Kognition und Reaktionsgeschwindigkeit.
Das ist der Punkt, warum wird es dann bei der Zulassung nicht bewertet.

Bevor man darüber nachdenkt, was ist normal (noch normal) und was ist abnorm oder vielleicht auch pathologisch stellen sich folgende Fragen
– wie oft steht ein 50 ,60, 70, 80 jähriger Patient am Tag auf? Dafür gibt es Daten, z.B. aus Deutschland aus der Actife Studie von Jochen Klenk.
60-50-40-mal, darunter sind es dann Personen mit Hilfsbedarf.
– wie oft muss sich in den verschiedenen Alterskohorten jemand beim Transfer oder beim Aufstehen festhalten
Dafür würde man den TUG oder 5 CR Test benötigen, dieser soll 2022 im RKI Mikrozensus mitlaufen.
– wie misst man Balance? Statisch mit den modifizierten FICSIT Standpositionen, dynamisch wird es schwieriger, z. B. MiniBEST Skala oder CBM bei jüngeren Personen

– wie misst man Koordination?
In der Bewegung, z.B. Trail Making bei Gehen, Choice Reaction Stepping Time

– wie misst man Agitiertheit? Eher durch Fremdbeobachtung, das ist im Selbstreport schwierig.

wie so oft werden in vielen Studien Beobachtungen notiert. Nicht selten gibt es nicht einmal Videoaufnahmen, weil so manche Ethikkommission aufgrund der fehlenden Einwilligungsfähigkeit von dementen derartige Erfassungen verhindern; umso wunderbarer, Rabinowitch zum Thema Stürze seine Sequenzen bei YouTube eingestellt hat. (Robinovitch, ich bin der einzige Deutsche der mitarbeitet)

Bei einigen größeren Forschungsprojekten in den letzten Jahren werden eine Unmenge an Daten gesammelt. Aber welche davon sind relevant.
Gestern ist dazu eine neue Meta Analyse veröffentlicht worden (Paluch et al, Lancet public Health 2022). Das ist ein Meilenstein.

Vielleicht muss man so vorgehen, um überhaupt erst einmal eine Übersicht zu gewinnen.

Problematisch finde ich auch die Verwendung von Sensoren, die für die spezielle Fragestellung nicht konstruiert wurden. Messen Sie das, was ich messen will? Wie hoch muss die Reproduzierbarkeit sein, wie hoch die Datenrate?

Falls Sie möchten, wir machen dazu eine Webinarreihe in YouTube. Mobilise-D eingeben.
Das ist der allerletzte Stand

VG Clemens Becker

Mobilität definiert die WHO als Fähigkeit unabhängig im Umfeld sich bewegen zu können und ist ein wesentlicher Schlüssel für Lebensqualität (im Alter noch mehr). Befragt man ältere Patienten, geben Sie als sie persönlich wichtig die selbstbestimmte Mobilität an. Nachrangig scheint für sie dabei zu sein, ob sie das selbst umsetzen können oder dabei Hilfe haben.
Nach der WHO Definition wird der Begriff Ability (Fähigkeit) verwendet, was in der Bedeutung ein Fallstrick sein kann. Denn wenn jemand etwas kann aber nicht tut, hat er auch dann eine eingeschränkte Mobilität?!? Worauf ich hinaus will: wenn ein älterer Mensch sich unabhängig bewegen kann, es aber nicht tut, weil der Antrieb fehlt (zum Beispiel bei Demenzen oder Depression), wird er sich weniger bewegen und letztendlich aufgrund der Passivität Muskelkraft verlieren, unsicherer laufen und zunehmend sturzgefährdet werden.
Will man die Nebenwirkungen von Medikamenten in Bezug auf die Mobilität beurteilen, reicht es nicht, die Fähigkeit (Ability) von Aufstehen und sicheres Gehen zu erfassen, sondern man benötigt auch eine Beurteilung zum Thema Minderung des Antriebs, der Wachheit und der Aufmerksamkeit. Das ist mein Blickwinkelwinkel als Neurologe und Psychiater. Ich hätte an dieser Stelle allerdings keine Idee, welches Assessment Instrument man dafür einsetzen könnte.
In den Projekten zum Thema Ambient Assisted Living gibt es aber Ansätze, die motorische Aktivität (korreliert mit dem Antrieb) zu messen. Ich denke an die Forschungsaktivitäten der Universität Oldenburg und (wohl auch) der TU Braunschweig. Aus der AAL-Welt und Smart home gibt es Modelle, wo über die zeitliche Erfassung der Bedienung von Haushaltsgeräten ein indirektes Maß der Aktivität im Haushalt erfasst wird. Wenn jemand zum Beispiel akut erkrankt oder eine Verschlechterung einer chronischen Erkrankung hat, nutzt er die häuslichen elektrischen Geräte weniger, braucht viel Bedienung länger oder verschiebt Nutzungszeitpunkt. Um das zu beurteilen, braucht man eine Baseline (Beobachtung über einige Tage), was für eine Routinetestung bei Medikamenten einen erheblichen Aufwand darstellen dürfte. Es ist natürlich viel einfacher, Laborwerte abzunehmen, nach allergischen Erscheinungen zu suchen oder klinische Kurztests zu machen.

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